während du bogen bautest - (von sanja richtmann)

sie sitzen eng beieinander, die sanfrauen. sie reden unentwegt, als hätten sie sich viel mitzuteilen. sie sind mit sich beschäftigt. aus einiger entfernung höre ich worte, die sehr fremd klingen, klicken, murmeln, lachen. ich schaue herüber, schaue sie an. versuche mich in die athmosphäre einzubinden, die diese frauen ausströmen. schaue ihnen zu, wie sie sich häufig berühren und bewegen, ihre körper drehen, mit ihren händen argumentieren, wie sie sich gesten zuwerfen. jede einzelne frau strahlt eine ganz eigene integrität aus. sich selbst bezüglich, authentisch. das gibt mir innerlich ruhe. es ist so unaufgeregt, dennoch sehr lebendig, mit der erde verbunden. die farbe ihrer gegerbten haut ist die farbe ihrer ledertücher, ist die farbe der baumrinde, der büsche und des sandbodens.  ihre körper sind in die natur gemalt. dennoch sitzen sie nicht nur rum, jede von ihnen arbeitet. trägt ihr kind herum, bindet es auf ihren körper, stillt es, beruhigt es. spricht mit ihm.

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author Frank Tusch

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grashoek - die vergessenen san

mitten in der kleinen wellblech-hüttensiedlung steht ein einsamer baum. daran ein zettel: "reception"

sanja begleitet mich. 6 km tiefsandfahrt mit 3 tonnen auf vorderradantrieb. das heißt luft aus den reifen lassen, schaufeln, dann weiter.

der baum also. wir stehen ein wenig ratlos herum, als plötzlich menschen um uns herum sind. klein sind sie, jedenfalls kleiner als ich (also klein), schmal und feingliedrig, zerissene kleidung, eine frau unbestimmten alters trägt ein baby auf der hüfte abgesetzt. einer junger mann fällt auf. "are you the reception?" er nickt, stellt sich als erasmus vor, das sei sein christlicher name und er sei unser guide.

wir sind in grashoek, einem abgelegenen san-dorf, heimat der ju/'hoansi san. hier soll es einen kleinen campingplatz geben und eine möglichkeit das traditionelle leben der san kennenzulernen.

skepsis, wir befürchten eine art touristisches fantasialand, verabreden für den rest des nachmittages das programm "feuermachen und rituelle tänze" zum antesten. dann werden wir zum campingplatz geschickt, 500m vom dorf entfernt, eine winzige lichtung unter großen maketti-bäumen, das ist alles. sand natürlich, die gegend nennt sich kalahari sandveld. beim rangieren setze ich den bus wieder fest. schaufel, waffleboards, geschafft. kaum parkt der bus, sind sie da.

leise bewegen sie sich zwischen den büschen hindurch, beinahe nackt, nur mit lederschurzen bekleidet. es dauert einen moment, bis daß wir die menschen vom dorfplatz wiedererkennen. auch erasmus ist dabei. ich frage ihn nach seinem san-namen: "//xari". mehrfach versuche ich mit trockenem mund die klicklaute nachzusprechen. kurz vor zungenzerrung gebe ich auf....

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author Frank Tusch

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namib - die wüste heisse

wird es ein flirt? eine affäre? oder die große liebe?

du verführst, zwinkerst mir zu, spielst mit mir. viele werden sagen du seist zu alt für mich, andere neidisch bemerken, daß du zu heiß wärst. was kümmert mich das, wenn du jede stunde in einem neuen kleid daherkommst, mich forderst, mich inspirierst. du heißt namib. du bist die wüste. du bist die alte. vielleicht die älteste wüste auf diesem planeten. vielleicht die trockendste. vielleicht die schönste?

du schickst einen ersten augenaufschlag ins grasland an deinem saum. senkrecht über die piste tanzen grassamen, federleicht und transparent im gegenlicht, feenhafte insekten, die, wenn sie einmal den boden erreicht haben, vom wind in den sand gedreht werden wie schlagbohrer. du bist flach und weit. nach dem regen hat es gerade mal eine woche gedauert um aus gelb grün zu machen und ein kissen aus wogenden halmen zu nähen.

im süden gibst du den teenager. schwarze hügel, glatte haut, so jung, daß ich glaube die hitze deiner lava noch spüren zu können. unter der harten oberfläche bist du weich. ein fußabdruck bleibt jahre. ich darf die nacht über bleiben und kann nicht schlafen vor lauter sternenhimmel.

deine hüften sind das soussousvlei, der "ort an dem das wasser endet".

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author Frank Tusch

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kolmanskop - leben in der geisterstadt

als der sicherheitsdienst nachts ein ungewöhnliches surren hört, wird umgehend der alarm aktiviert. die patroullien greifen einen minenarbeiter mit einer armbrust auf. oft versuchen die arbeiter ihre schmalen einkommen durch die jagd auf kleintiere aufzubessern. ungewöhnlich nur, dieser arbeiter hat keine pfeile bei sich. schnell wird das township auf der anderen seite des sperrgebietes abgeriegelt. bald ist der pfeil auf einem hüttendach gefunden. im hohlraum des armbrustpfeiles: mehrere karat rohdiamanten.

auf viele art und weise wurde versucht, diamanten aus dem diamanten-sperrgebiet rund um kolmanskop (kolmannskuppe) herauszuschmuggeln. jede art hohlraum wurde ausprobiert, wozu auch das menschliche rektum zählt.

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author Frank Tusch

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südafrika - drei monate, ganz persönlich

kann mir mal jemand sagen, warum die welt so wunderschön ist?!

kann mir mal jemand worte schicken, mit denen ich beschreiben kann, was ich gesehen habe?!

kann mir mal jemand erklären, was die menschen in diesen bildern zu suchen haben?!

kann mir mal jemand nachfühlen, wie nah man sich am leben fühlen kann, wenn das verhungern, verdursten, vergiften so nah ist?!

drei monate bin ich durch südafrika gefahren. die rainbow-nation, die keine ist. ich habe mich im dschungel verlaufen, habe die einzigen spuren in strandsand gelaufen, bin über berge und durch schluchten geklettert, habe in der wüste übernachtet. ich habe beinahe alle tiere gesehen, die man mit afrika verbindet, elefanten, löwen, büffel, giraffen, nashörner, verschiedenste antilopen, wild dogs auf der jagd, ich bin mit giftigen spinnen und schlangen nah gewesen, stand zwischen hippos und nilkrokodilen, sah die buntesten und unsichtbarsten insekten. ich habe selten gefroren und fast immer geschwitzt. (ich habe das dreifache der gewohnten menge getrunken und nur die hälfte des üblichen gepinkelt.) seit beginn der reise ist mein knie verletzt und trotzdem habe ich alle routen gewandert und meine kamera geschleppt. ich bin nah an mir selbst und fühle mich dem planeten verbunden. in südafrika spürte ich die entstehung der oberfläche. errosion, vulkanismus, lavarülpser in brettflachen wüsten, kugelrunde riesenfelsen mitten im nichts, darüber der himmel, der oft so weit ist und so klar. ich könnte schreien vor berührter euphorie und räder schlagen um die kraft loszuwerden, die mir die landschaften geschenkt haben.

wenn nicht die menschen wären...

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author Frank Tusch

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kimberley - diamanten und totenschädel

"big girls need big diamonds" -elizabeth taylor, schauspielerin/diva-


"to find a diamond is like a shock" -ashwill ricardo daniels, diamantenschürfer-


"uktena war die große schlange. die große schlange war so gefährlich, daß jeder, der sie ansah augenblicklich sterben mußte. uktena hatte schuppen aus lodernden flammen, hörner auf dem kopf und eine krone aus diamanten auf der stirn. diese diamanten, so hieß es, würden großes glück über den bringen, der sie ergreifen könne. dazu allerdings mußte derjenige den siebten ring vom kopf der schlange schießen. das aber war unmöglich. denn jedermann war so gefangen vom leuchtenden glanz der diamanten, daß er die schlange anschauen mußte. und so augenblicklich starb...... "  -legende der cherokee-

 

die historie der diamanten ist voller legenden und aberglauben, voller verlierer und weniger gewinner. alles, was ich hier schreibe, ist wahr und vielleicht nicht wahr. die menschen, die mir die geschichten erzählen, glauben daran. die konzerne, die mit diamanten handeln, tun ihr möglichstes, daß wir deren version glauben.


barkley west, heute

"kannst du das glauben? kannst du dir vorstellen, wie hart die menschen hier gearbeitet haben?" fragt mich shawn. ich hatte ihn im museum von barkley west kennengelernt. er stand da in seinem verbeulten auto, pfeife im mund, glückstreffer. shawn ist außer museums- und brückenwärter auch der verwalter der canteen kopje, einem kleinen hügel, der heute unter schutz steht, nachdem man steinzeitliche artefakte gefunden hatte. ein wenig verwahrlost wirkt das gelände, die wege überwuchert, wir sind alleine. überall ausgehobene gruben, felsen von doppelter fußballgröße sind am rand aufgeschichtet. shawn deutet auf ein loch in der grube, ein stollen. auf allen vieren rutschen wir hindurch. wir schrecken einige fledermäuse auf, finden spuren von stachelschweinen und kekstüten. "das sind die illegalen", meint shawn einigermaßen aufgebracht....

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author Frank Tusch

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royal natal national park - von göttern und schwänzen und gleichgewicht

habt ihr euch schonmal von einer landschaft umarmt gefühlt? am meer geht es mir häufig so. ich fühle mich warm und beschützt. nichts kann mir etwas anhaben. meine gedanken sind losgelassen, sie brauchen sich nicht mit gefahr oder finanzamt oder dem zahnarzt zu beschäftigen. der royal natal national park hatte seine arme um mich geschlungen. mich auf seine schultern gesetzt und schauen lassen. weiche formen, selbst in die tiefen täler hinein, falten, stufen, kuhlen. alles überzogen mit einem teppich aus hüfthohen gräsern, die weichen, die sich im wind auf die seite legen. daraus recken sich ein paar buckel mit senkrechten wänden. ich klettere einen kleinen felsen hinauf, ein wunderbarer ausblick, bis in die ebene, viele kilometer und dörfer weit. die sonne geht auf und ich habe das gefühl, daß das keine sonne ist, die mich verbrennen könnte. ich wundere mich, daß keine fliegen nerven und keine mokitos. alles so sauber, ich trinke das wasser aus den bächen. heuschrecken in leuchtend neongrün, obwohl es die kleinen sind, springen sie höher als ich groß bin, zig verschiedene schmetterlinge, sunbirds, ähnlich kolibris, ein wenig größer, gefieder in metallicgrün mit roten effekten, riedböcke, paviangruppen.

eine kleine wanderung über den bergrücken, ein trampelpfad, das gras bildet einen nur schmalen durchgang. ein fauchen. reflexspagat. ich wäre unmittelbar auf eine puffotter getreten. die umarmung löst sich schlagartig. afrika ist wieder da. eine art balance.....

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author Frank Tusch

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camp vryheid

sie nennen ihn "vuvuzela". und genauso klingt er bei unserer ersten begegnung. aufs freundlichste brüllt er mich an um mich vor dem hornissennest zu warnen. einmal, zweimal. ich brauche eine weile um herauszufinden, daß jopi beinahe taub ist. aber dazu später mehr.

vryheid, so heißt der ort, auf einer art hochebene gelegen in kwazulu-natal. freiheit. einige burische abtrünnige hatten eine "neue republik" gegründet, vryheid sollte die hauptstadt sein. die neue republik sollte nur kurze zeit bestehen. 1888 ging sie in der "zuid_afrikaansche republiek" auf. meine idee war alle möglichen menschen in vryheid nach ihrer persönlichen bedeutung des wortes zu befragen. in einem land, daß in den letzten 20 jahren solch gravierende veränderungen durchgemacht hat und das immer noch im wandel ist, so dachte ich, müßte ich ein paar interessante antworten bekommen. es kommt mal wieder ganz anders. ich lande auf dem kommunalen campground.

"i'm not rich. i am a poor white". das ist das erste, das mir annemarie erzählt. sie lebt in einem zelt. in dem zelt ist ein kleines zelt aufgebaut. hier schläft sie zusammen mit icy. annemarie sagt, sie sei 52, wenn sie 72 gesagt hätte, ich hätte es geglaubt....

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author Frank Tusch

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mkuze - wilde hunde

das wirkliche leben ist ein fernsehprogramm. ich habe die bilder im kopf. hundert mal gesehen im discovery channel. elefanten am wasserloch, löwen beim festmahl, die einfliegenden geier, die gnuherden, die den marafluß bei ihren jährlichen wanderungen überqueren, den geparden, der ein gazelle verfolgt. jetzt kommt geruch dazu, hitze, der zufall.

mkuze game reserve. lange anfahrt über buckelpiste, very rural, am letzten dorf ein handgemaltes verbotsschild am zaun: "fotografieren strengstens verboten". wer hat hat hier wohl wie die erde verbrannt? die campsite im game reserve ist geschlossen. wassermangel. verhandlungen. ich habe alles dabei, toilette, dusche und einen halb gefüllten wassertank. außerdem, ich bin der rainman. zu laut gerufen. weil die gewitter kein ende finden, finde ich den schlaf nicht. der regen trommelt aufs dach und bald steht der bus in einem kleinen see. so funktioniert mkuze. flache pfannen, die nach regen seenlandschaften bilden.

am morgen immer noch dunkle wolken. zu dunkel für fotos. es wird nicht heller. erste fans. ein kleiner gecko nähert sich mit respekt meinem bus. offenbar hält er meine 250cm klebefolie für das begehrenswerteste weibchen im umkreis. versuchen kann man es ja mal. bald schon herden von gnus, zebras, impala. im gras eine tänzelnde bewegung, ein schakal auf streife. augen auf die straße, mistkäfer. sie sind die düngemeister der steppe. dung ist ihr geschäft. sie haben eine riecher für scheiße. läßt ein elefant einen veritablen haufen fallen, schweben sie ein, mit helikopterartigem summen und offenbar vollkommen im rausch. oft genug knallen sie gegen den (stehenden) bus. sie drehen sich eine kugel aus dem mist, manchmal um ein mehrfaches größer als sie selbst. dann rollen sie die mistkugel im handstand zu einem unterirdischen bau. die mistkugeln dienen den larven als erstnahrung.auf die bremse. hindernisse auf der fahrbahn. fünf mal 5m hoch. giraffen. wahrscheinlich gerade im schlaf, wovon sie weniger als 2 stunden pro tag brauchen und das abwechselnd mit je einer hirnhälfte. zeitlupeneleganz. sie schweben davon. zwei impala-männchen liefern sich mit ihren gedrechselten hörnern ein übungsgefecht. bald geht es um die weibchen, dann wird der kampf ernst. die gruppe impala ist nervös. einige gnus gallopieren vorbei, die zebras auffallend schreckhaft. der grund läuft direkt auf mich zu.

wild dogs, hyänenhunde........

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author Frank Tusch

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cape vidal - liebesregen

der regen kommt schräg. vom meer her. die gleiche richtung wie die gischt. dunkelblaugraue ahnung. du spürst salz auf den lippen, verdünnt durch süßwassertropfen und du ahnst, daß dein körper genauso schmeckt. du bist fast nackt, und könntest du dich sicher fühlen, wärst du es ganz. du fühlst den wind und die tropfen auf deiner brust. als du das t-shirt an hattest, war der regen nasser.

cape vidal. da mußt du hin. sagen piet und soretha, farmer im free state. schließlich hatte soretha hier am strand schon einmal einen leoparden auf der pirsch beobachtet....

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author Frank Tusch

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